7. Juli 2026
Wiener Staatsoper 2026/27: Ein Spielplan der starken Stimmen und großen Dramen
Die Wiener Staatsoper geht mit einem Spielplan in die Saison 2026/27, der große Repertoirelinien mit markanten Neuproduktionen verbindet. Zwischen Zemlinsky, Bartók, Strauss, Berlioz, Verdi, Tschaikowski und Bellini entsteht am Ring eine Saison der starken Stimmen, großen Dramen und klar erkennbaren musikalischen Handschriften.
Von Albino Salvatore Cipolla, M.A.

Mainz/Wien - Die Wiener Staatsoper hat ihren Spielplan für die Saison 2026/27 vorgestellt. Am Haus am Ring zeigt sich ein Programm, das auf die Kraft des Repertoires vertraut und zugleich mehrere Neuproduktionen in den Mittelpunkt stellt. Nicht die bloße Fülle ist die Nachricht, sondern die Setzung: Werke des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts treten neben italienisches Belcanto- und Verdi-Theater, psychologische Spannung neben vokale Brillanz, große Orchesterfarben neben präzise geführte Stimmen.
Die erste Opernpremiere der Saison verbindet zwei Einakter, die wie geschlossene Räume voller musikalischer Spannung wirken: Alexander von Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ und Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“. Unter der musikalischen Leitung von Alain Altinoglu inszeniert Vasily Barkhatov den Doppelabend. Im Zentrum steht Asmik Grigorian, die in beiden Werken die weibliche Hauptpartie übernimmt. Neben ihr sind unter anderem Dmitry Golovnin, Christopher Maltman und Florian Boesch angekündigt. Es ist ein Saisonauftakt der konzentrierten Art: keine breite Geste, sondern ein Abend, in dem Eifersucht, Macht, Nähe und Furcht in wenigen Figuren verdichtet sind.
Mit Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ folgt im November ein Werk, das wie gemacht ist für ein Haus, das Oper auch als Kunst der Gegensätze begreift. Franz Welser-Möst übernimmt die musikalische Leitung, Barrie Kosky die Inszenierung. Auf der Bühne stehen unter anderem Kate Lindsey, Daniel Behle, Serena Sáenz und Golda Schultz. Strauss’ Partitur bewegt sich zwischen Konversation, Komödie und aufbrechender Emphase. Gerade darin liegt ihre Doppelbödigkeit: ein heiterer Ton, der jederzeit in Ernst umschlagen kann, und eine Bühne, auf der das Theater sich selbst betrachtet, ohne sich in Theorie zu verlieren.
Im Dezember setzt Hector Berlioz’ „La Damnation de Faust“ einen anderen Akzent. Bertrand de Billy dirigiert, Lydia Steier inszeniert. Mit John Osborn als Faust, Eve-Maud Hubeaux als Marguerite und Christian Van Horn als Méphistophélès steht ein Ensemble bereit, das die vokalen Linien dieses schwer zu fassenden Werkes tragen muss: zwischen Oratorium, Oper und musikalischem Bilderbogen. Berlioz erzählt Faust nicht als geradliniges Bühnendrama, sondern als Folge von Zuständen, Farben und inneren Bewegungen.
Im Februar kehrt Verdi mit „Un ballo in maschera“ als Neuproduktion auf den Spielplan zurück. Michele Mariotti leitet die Premiere, Nikolaus Habjan inszeniert. In den zentralen Partien sind Freddie De Tommaso, Luca Salsi, Marina Rebeka, Marie-Nicole Lemieux und Ilia Staple angekündigt. Verdis Oper bleibt ein politisches und privates Kammerspiel in großer Form: Freundschaft, Begehren, Amt, Verrat und Schuld werden nicht erklärt, sondern in Musik gesetzt. Am Ring dürfte daran vor allem die Balance zwischen dramatischer Zuspitzung und vokaler Eleganz interessieren.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf slawischem Repertoire: Tschaikowskis „Pique Dame“ feiert im März Premiere. Alexander Soddy dirigiert, Evgeny Titov führt Regie. Die Besetzung nennt unter anderem Ivan Gyngazov, Boris Pinkhasovich, Andrey Zhilikhovsky, Violeta Urmana und Elena Stikhina. Das Werk verlangt nach einem Klang, der gesellschaftliche Kälte, obsessiven Druck und lyrische Verletzlichkeit zugleich fassen kann. Es gehört zu jenen Opern, in denen das Orchester nicht begleitet, sondern die seelische Temperatur des Abends bestimmt.
Zum Saisonende führt Vincenzo Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ den Spielplan in die Welt des Belcanto. Gianluca Capuano übernimmt die musikalische Leitung, Tatjana Gürbaca inszeniert. Mit Lisette Oropesa als Giulietta und Emily D’Angelo als Romeo rückt eine vokale Konstellation ins Zentrum, die Bellinis lange Linien, seine fragile Spannung und seine Kunst des getragenen Ausdrucks hörbar machen kann. Der Stoff ist bekannt, doch Bellinis Oper interessiert sich weniger für äußere Aktion als für den Augenblick, in dem Stimme und Gefühl untrennbar werden.
Auch das Ballett setzt deutliche Zeichen. John Neumeiers „Nijinsky“ kommt im Oktober an die Staatsoper; später folgen unter anderem „Visionary Dances“ mit Choreografien von Justin Peck, Wayne McGregor und Twyla Tharp sowie Wayne McGregors „Woolf Works“ mit Musik von Max Richter. Damit erweitert der Spielplan den Blick vom gesungenen Theater auf Körper, Bewegung und musikalische Form.
So entsteht eine Saison, die nicht auf einen einzigen programmatischen Nenner gebracht werden muss. Die Wiener Staatsoper zeigt 2026/27 ein Haus in Bewegung: mit großen Partien, profilierten Dirigenten, szenischen Handschriften und Werken, die von Liebe, Macht, Schuld, Erinnerung und Verlust erzählen. Am Ende steht ein Spielplan, der die Oper nicht erklärt, sondern ihr vertraut — als öffentlicher Raum, in dem Stimmen, Orchester und Bühne für einen Abend die Stadt verändern.
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