Headerbild
Zurück zu Aktuelles

Lesezeit: ca. 3 Minuten

Asmik Grigorian debütiert an der Met: Janáčeks „Jenůfa“ zwischen Liebe, Scham und Schuld

Asmik Grigorian übernimmt erstmals an der Metropolitan Opera in New York die Titelrolle in Leoš Janáčeks Jenůfa. An ihrer Seite steht Nina Stemme als Küsterin, jene Stiefmutter, die aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung eine folgenschwere Entscheidung trifft. Claus Guth inszeniert das psychologisch dichte Drama, Tomáš Hanus dirigiert. Die Neuproduktion feiert am 16. November 2026 Premiere.

Von der Redaktion Opernreiseführer

Asmik Grigorian
Asmik Grigorian | © Gasiunas

Mainz/New York - Eine junge Frau wird schwanger, vom Vater ihres Kindes verlassen und mit einer Dorfgemeinschaft konfrontiert, deren Angst vor gesellschaftlicher Ächtung stärker ist als ihr Mitgefühl. Leoš Janáčeks Jenůfa erzählt eine Tragödie, deren Gewalt aus alltäglichen Erwartungen und verzweifelten Entscheidungen erwächst. Am 16. November 2026 feiert eine Neuproduktion an der Metropolitan Opera in New York Premiere. Asmik Grigorian singt die Titelrolle, Nina Stemme ihre Stiefmutter, die Küsterin. Claus Guth führt Regie, Tomáš Hanus dirigiert und gibt damit sein Debüt am Haus.

Jenůfa liebt Števa, der sie schwängert, sich jedoch von ihr abwendet, als ihre Schwangerschaft nicht mehr zu verbergen ist. Auch sein Stiefbruder Laca begehrt sie. Aus Eifersucht verletzt er ihr Gesicht und verändert damit ihr Leben. Nach der Geburt ihres Kindes scheint Jenůfas Zukunft in einer Gesellschaft, die weibliche Sexualität streng kontrolliert, aussichtslos.

Die Küsterin glaubt, ihre Stieftochter nur vor Schande bewahren zu können, indem sie das Neugeborene tötet und die Tat zunächst verschweigt. Ihr Verbrechen ist nicht zu rechtfertigen, doch Janáček zeichnet sie nicht als eindimensionale Bösewichtin. Ihre Angst vor sozialer Ächtung und ihr verzweifelter Versuch, Jenůfas Zukunft zu sichern, machen sie zu einer ebenso erschreckenden wie tragischen Figur. Besonders im zweiten Akt verdichtet sich ihr innerer Konflikt zu einem psychologischen Ausnahmezustand.

Janáčeks Musik folgt den seelischen Brüchen der Figuren mit großer Unmittelbarkeit. Die Gesangslinien orientieren sich eng an den Rhythmen der tschechischen Sprache; kurze Motive, abrupte Wechsel und intensive Orchesterfarben lassen die Spannung unmittelbar aus dem Klang entstehen. Statt auf große opernhafte Gesten setzt das Werk auf die Eskalation einer zunächst alltäglich erscheinenden Lebenssituation.

Für Grigorian bietet Jenůfa die Möglichkeit, Verletzlichkeit und innere Stärke gleichermaßen auszuloten. Stemme wiederum gestaltet eine Partie, deren Härte aus Angst und Verzweiflung erwächst. An ihrer Seite sind Allan Clayton als Laca und Sean Panikkar als Števa zu erleben. Guths Inszenierung entstand in Zusammenarbeit mit der Royal Opera in London, wo sie 2021 mit Grigorian in der Titelrolle uraufgeführt wurde.

Die sechs Vorstellungen an der Met sind für den 16., 21., 23., 28. und 30. November sowie den 4. Dezember angesetzt. Am 18. November gibt Grigorian dort zudem einen Konzertabend mit den Pianisten Lukas und Petras Geniušas. Auf dem Programm stehen Opernausschnitte von Dvořák, Puccini, Strauss und Verdi.

Die Tragik von Jenůfa liegt nicht allein in der Tat der Küsterin, sondern in einer Ordnung, die Menschen aus Angst vor dem Urteil der anderen zu zerstörerischen Entscheidungen treibt. Grigorian und Stemme begegnen sich als zwei Frauen, deren Leben vom selben gesellschaftlichen Druck geprägt ist – die jedoch auf ihn auf grundverschiedene Weise reagieren.

Weitere Artikel